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Haus der Kulturen der Welt
by Lilly Flowers |
Regisseur
Davi Pretto glaubt nicht an den Nutzen von
einer ausschließlich anwendbaren Form im Film, wie er uns im
Publikumsgespräch nach der Vorführung verrät. Deshalb schuf er mit
seiner ersten Arbeit, dem Porträt von Joao Carlos
Castanha,
einen melancholischen Lebenslauf zwischen Spielfilm und
Dokumentation. Der ältere Castanha lebt zusammen mit seiner Mutter in einer
kleinen Wohnung. Von diesem gemeinsamen Lebensmittelpunkt aus spielen und zeigen sie ihr Leben der
Kamera. Um den Lebensunterhalt zu sichern, tritt Castanha als
Transvestit auf, zwischendurch geht er seiner weniger einträglichen
Leidenschaft als Schauspieler im Theater und in Filmproduktionen
nach. Seine Mutter Celina besucht ihren Mann im Altersheim und
kümmert sich um ihren Enkel, der als unberechenbarer
Drogenabhängiger die Dramaturgie steigert. Zu Beginn stolpert und
rennt der nackte Castanha mit blutbeschmiertem Körper eine dunkle,
einsame Straße entlang, begleitet von tosendem Lärm der gesammelten
Töne des folgenden Films. Die ruhigen Bilder der Kameraführung
gestatten unserem neugierigen Blick angenehm lange, auf den durch das
Leben geprägten Gesichtern und Körpern von Sohn und Mutter zu
verweilen. Wir sind bei ihnen Zuhause und gehen ein Stückchen ihres
Lebensweges mit. Dadurch erfahren wir auch von ihrer Vergangenheit
und bleiben dann in ihrer Gegenwart stehen. Beide wirken stark und
zerbrechlich und wir wohnen bei ihnen. Wie es ihnen wohl weiter
ergehen mag, das würde uns schon interessieren.
Unser zweiter Film brachte uns heute in das Leben der
Jugendlichen Deniz (übersetzt: Meer). Sie ist der Mittelpunkt des
Films
Mavi Dalga (Die blaue Welle), der unter der Rubrik
Generation 14plus auf der Berlinale läuft. Zusammen mit ihren
Freundinnen kommt Deniz in die Abschlussklasse ihrer Schule. Als junge
Erwachsene müssen sie nun über ihre Zukunft entscheiden. Doch es
bremst sie die Gegenwart, die entstehenden Gefühlen gehen über die
kindlichen Schwärmereien für Lehrer und Jungs hinaus. Ungewohnte
Leidenschaft, Ideen von Zuneigung und Liebe und die Geborgenheit in
der Familie, der sie doch entfliehen wollen, diese
Auseinandersetzungen teilt Deniz mit ihren Freundinnen. Aus Kindern
werden Jugendliche werden Erwachsene, wir haben uns in diesen
Auseinandersetzungen wiedererkannt. Ist aus uns geworden, was wir
erträumten, was wir fühlten? Circa dreißig MitarbeiterInnen der
Filmproduktion waren angereist, um sich mit dem Publikum auf der
Bühne des Haus der Kulturen der Welt zu freuen und ihren Film zu
feiern.
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