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Kino Cubix. Alexanderplatz by Lilly Flowers |
Sich
in der warmen Sonne Australiens strecken und den Jungs beim Blödsinn
machen zuschauen, dass war ein Sonntagmittag ganz nach unserem
Wunsch. Neben uns saß mit sanftem Gesicht und beruhigender Stimme
der Großvater, wunderbar gespielt von David Gulpilil, den wir aus
„Walkabout“, manch andere aber vielleicht auch aus „Crocodile
Dundee“ kennen. Dem Jungen Pete fehlt seine Mutter, sie sei in die
Stadt gegangen, um eine Ausbildung zu machen. Doch sie wissen nicht,
warum sie nicht, wie versprochen, zurückkehrt. Der Großvater lebt die Traditionen der
Aboriginals und versucht sie auch seinem Enkel zu vermitteln. Als das
Land, auf dem sie leben, nun nach den Gesetzen der Neu-Australier
einer Firma gehört, bricht der zehnjährige Pete mit einem Freund
auf, um den Managern den Irrtum zu erklären. Der dadurch
entstehende Medienrummel bewegt seine Mutter dazu, sich bei ihm zu
melden. Doch sie will nicht das Leben einer Aborigine führen, sie
will in die Stadt. Pete muss sich entscheiden, auf dem Land wird er
ein Aborigine bleiben, für die Stadt verspricht ihm seine Mutter
Einkaufscenter und Computerspiele. Wunderbare Landschaftsaufnahmen
korrespondieren gerade besonders in Australien mit diesen
unterschiedlichen Lebensentwürfen und der daran hängenden
Vorstellung von Besitz und der Verantwortung des Einzelnen für alle
anderen Lebewesen. Satellite Boy zeigt dies ohne Schwere und
macht Lust aufs Nachdenken über Lebensentwürfe.
Bei
unserem nächsten Film Jîn
bestätigte uns das engagiert emotionale Publikumsgespräch
mit dem Regisseur Reha Erdem wieder einmal, warum wir so gerne
zur Berlinale gehen. Auf die sehr ernsthaft gestellte Frage, warum er
seine Protagonistin den verwundeten feindlichen Soldaten nicht hat
erschießen lassen, antwortet er, dass er hier eine Entscheidung
nach seinen Vorstellungen von Menschlichkeit getroffen hat. Die
Hauptfigur ist eine 17-jährige kurdische Frau, die wir kennen
lernen, als sie sich heimlich von ihrer Rebellengruppe in den
kurdischen Bergen davon stiehlt. Wir sehen sie durch schöne weite
Landschaften hetzen. Immer wieder muss sie sich verstecken, denn außer
den Tieren des Waldes, will sie niemandem begegnen. Sie versucht,
irgendwie in ein normales Leben zurück zu gehen. Doch wo soll sie es
finden? Ihre Versuche scheitern auch an der patriarchalen
Gesellschaft, in der eine junge Frau ohne Begleitung als sexuelles
Freiwild gilt. Da sie kämpfen gelernt hat, kann sie sich wehren, erreicht damit aber auch keine Normalität. Die Menschlichkeit,
die sie bereit ist, zu geben, bekommt sie nur selten zurück. Und die
friedlich wirkende schöne Landschaft wird durch die Gefahr des Todes
immer wieder zerstört.
Unser
letzter Film von heute, Elelwani, zeigt uns Einblicke in die
südafrikanische Ethnie der Venda, die kleinste Ethnie des Landes mit ca. 2 Millionen Menschen. Die Tochter möchte sich von ihren
Eltern verabschieden und mit ihrem Freund nach Amerika gehen. Doch
sie wurde bereits nach der kulturellen Tradion verheiratet, um das Geld für
ihre Ausbildung zu erhalten. Um ihre Schwester zu schützen, fügt
sie sich in die Ansprüche ihrer Eltern und deren Kultur. Zwischen
ernsten Zwängen und humorvollen Bildern, zeigt uns der Film, wie die
weibliche Hauptfigur einen eigenen Weg für sich findet. Darauf
angesprochen, erzählt uns beim Publikumsgespräch Florence Masebe,
die Elelwani spielt, dass es nicht so einfach möglich sei, die
kulturellen Entwürfe aus einer anderen Kulturposition heraus zu
bewerten. Eine diskutierenswerte Erkenntnis: Wenn jemand vor einem
anderen Menschen sein Haupt beugt, kann es dann sein, dass er sich dabei
selbst ehrt?
Wir
hatten einen guten Filmtag mit vielen schönen Landschaften
und Menschen, die ihr mögliches gutes Leben darin suchen. Doch wie
sagte Regisseur Reha Erdem, außerhalb Europas gibt es leider viele
ähnliche Konflikte, wie in der Türkei und Kurdistan, die ein selbst
gesuchtes Leben unmöglich machen.
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