![]() |
by Lilly Flowers |
Heute
hatten wir schweres Programm mit den Folgen des Jugoslawienkrieges,
dazwischen gab es ein Ehedrama aus China. In Krugovi/Circles
überrascht ein Soldat während des Krieges seinen Vater und seine
Freundin mit einem Kurzurlaub. Doch wegen einer Zigarettenschachtel
kommt es zu Identitätskonflikten. Der Soldat greift ein, alle
anderen schauen weg. Zuerst tritt die aggressive Macht der Soldaten
gegen den muslimischen Kioskbesitzer auf und dann die tödliche Macht
von drei Schlägern gegen Einen. Auf dem belebten Platz schauen alle weg, sie trauen sich nicht, sich gegen die Macht
von drei Soldaten zu positionieren. Doch es bleibt in ihren Knochen
stecken. Der Film spielt in der Situation zwölf Jahre danach. Der
Vater trauert einsam um seinen Sohn, die Freundin flieht vor ihren
gewalttätigen Ehemann und der Kioskbesitzer fühlt sich für sein
gerettetes Leben in der Pflicht. Wo kann hier Menschlichkeit
anfangen? Dem Vater gelingt es, indem er den Sohn eines Mörders
seines Sohnes in seiner Nähe akzeptiert und gemeinsam mit ihm
trauert.
Mo
Sheng / Forgetting to Know You erzählt eine typische chinesische
Geschichte, wie uns die Regisseurin Quan Ling nach dem Film erzählt.
Da auf der Berlinale die Weltpremiere ist, könne sie uns auch noch
nicht sagen, wie der Film in China aufgenommen wird. Das sie ihre
Figuren nicht mochte, hat sie festgestellt. Das haben wir dem Film
aber nicht angesehen. Sie taten uns leid, denn auch hier, wie in
vielen anderen Teilen der in dieser Berlinale gesehenen Welt, sie
bekommen den Mund nicht auf. Menschen, warum sprecht ihr nicht
zueinander? Überwindet doch die Angst voreinander und macht
niemandem Angst. Sie und er sind verheiratet, haben ein Mädchen. Sie
und er checken sich gegenseitig die Handys. Aus Eifersucht, sagt die
Regisseurin und dies sei typisch chinesisch, hm, und sie deutet es
als Liebe, hm. Kontrollsucht ist uns in diesem Zusammenhang auch
schon mal begegnet. Er vergewaltigt sie, sie besorgt ihm Geld, damit
er ein eigenes Geschäft aufmachen kann. Eine nie langweilig
dahinfließende Geschichte mit stimmigen Farben und ruhigen
Bildeinstellungen, ohne das die Bilder zu sauber wirken. Doch ein
paar schrille Schreie hätten einen Superfilm daraus gemacht. Zum
Thema kam die Regisseurin und Drehbuchautorin über die vielen
Single-Anzeigen von Frauen, geschieden, mit Kind, in den chinesischen
Zeitungen.
Auf
den letzten Film Obrana I Zastita / A Stranger hatten wir
heute am meisten gesetzt. Unsere beiden Sitznachbarn auch, wie wir
ihren Gesprächen entnahmen. Doch dann schnarchte der Herr neben mir
zwischendurch immer wieder Mal ganz deutlich. Sie reden und
wiederholen diese Allerweltssprüche. Ein Schneckentempo an
Gesprächen, die keinen heißen Brei ansprechen wollen. Er will auf
die Beerdigung, doch was denken die Leute von ihm, gibt es schlechte
Gerüchte über ihn, die er nicht kennt? Will er seine menschliche
Pflicht erfüllen? Seine Umgebung scheint
nicht so kompliziert an die Welt heranzugehen. Doch er denkt
zwischendurch ans Sterben. Und obwohl wir nichts über seine
Vergangenheit erfahren, finden wir, dass sein Sohn ihn respektlos
behandelt. Es könnte schon sein, dass dieser Film den größten
Erkenntnisgewinn des Abends brachte. Vielleicht auch gerade wegen
seiner in eine kleine Geschichte gepackten Unschlüssigkeit. Wir
hatten die Augen immer offen.
Und
die Ohren auch, als wieder mal so ein lauter Satz im Kinosaal neben
uns platziert wurde, der die bösen Leute treffen sollte, die nicht
aufrücken und einzelne Sitze neben sich frei lassen. Das kann doch
nur von Leuten kommen, die immer in Zweiermustern denken. Während
der Berlinale gehen wir in einen Film und nicht zum Pärchenevent.
Wenn ihr da ein idealplaziertes Zweierkuscheln wollt, müsst ihr halt früher
anstehen. Warum sollen wir unsere persönlichen Distanzwünsche
aufgeben, nur weil es euch gerade in euren Nähekram passt? Ihr seid
ja dann auch die Monster, die während des Films mit ihrer Chipstüte
rascheln.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen