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Weg zwischen Potsdamer Platz und HKW by Lilly Flowers |
Heute
Mittag gingen wir mit der Doku Tough Bond aus dem
Generationen-Programm nach Kenia. Kinder und Jugendliche vertreiben
sich mit Klebstoff schnüffeln, Produktname Tough Bond, den Hunger
und verschönern für ein paar Momente ihr perspektivloses Leben. Vom
Land in die Stadt und zurück sehen wir unterschiedliche Lebensweisen
und Möglichkeiten für Jugendliche. Doch das soziale Auffangbecken für elternlose Kinder in der traditionellen, meist ländlichen, Wohnform, gibt es heute nicht mehr. Heutiges Leben in einer traditionellen Hütte: die Kinder hüten
Schafe, holen Wasser, die kleine Dorfgemeinschaft ist kaum vorhanden und keine Schule weit und breit. Aus dieser Gegend im Nordwesten
von Kenia sind viele junge Menschen in die nächsten Städte oder nach
Nairobi gezogen. Dort erarbeiten sie etwas Geld durch Müllsammeln
auf der Straße oder Sortieren auf großen Müllbergen und essen, was sie vor Ort finden. Erträglich wird dies für die
Stadtkinder, da sie immer eine Flasche mit Klebstoff unter der
Nase hängen haben. Durch eine trickreiche Herangehensweise gegenüber
offiziellen Stellen, konnten die beiden Regisseure eine offizielle
Aussage des Vizepräsidenten von Kenia in die Kamera bekommen, in der er
behauptet, es gäbe in seinem Land keine Straßenkinder mehr. Ein Raunen geht durch den Saal. Nach
der Aufführung erzählen uns die Filmemacher, diese Kinder würden einfach nicht
existieren, da sich niemand für sie interessiert, sind sie Luft. Das Gleiche sagt die interviewte Sozialarbeiterin. Der Film
wurde bereits den beteiligten Jugendlichen in der Stadt und auf dem
Land gezeigt, wo er jeweils Verwunderung über die gezeigten
Lebensrealitäten der anderen hervorrief. Nach der Berlinale will die Filmcrew weiter in Kenia mit dem Film herumreisen. Vielleicht überdenken der
Klebstoffverkäufer und der Klebstoffhersteller dann nochmal ihre
Position, dass sie den Kindern in ihrem kleinen schlechten Leben ja mit dem Zeugs was Gutes
tun.
In
der Republik Korea geht es in der Schule sehr hart zu. So beschreibt
die ehemalige Lehrerin und heutige Regisseurin Shin Su-wohn in Worten und in ihrem
Thriller Pluto das dortige Schulsystem. Spannend aufgebaut mit
ökonomischen und sozialen Hierarchien, verbunden mit einem Hauch von
Pubertät, kämpfen die Schüler gegeneinander um die wenigen Elite-Plätze in der Schule und somit in der Gesellschaft. Wer
in Korea nicht studiert, bekommt keinen regulären Arbeitsplatz.
Zuneigung und Freundschaften sind in diesem System nicht vorgesehen
und wo sie doch stattfinden, könnten sie die Karriere zerstören.
Zugespitzt zeigt der Film einen superreichen Jugendlichen im Kampf um
die beste Leistung, die nichts mit Können, sondern mit Geld für
einflussreiche Nachhilfelehrer und das miese Austricksen armer
Eliteschüler zu tun hat. Und konsequenterweise explodiert am Schluss
die Folterkammer unter der Schule. Wie uns die engagierte Regisseurin
im Publikumsgespräch wissen lies, gibt es eine hohe Selbstmordrate
unter Schülern in Korea.
Unser
letzter Film heute ist eigentlich nur zufällig in unsere Auswahl
gekommen. Wir hatten erst zwei gesehen und zu so später Uhrzeit ist
die BVG-Verbindung ins Cubix bequemer. Dazu kam schon, dass wir auch
mal sehen wollten, was ein türkischer Regisseur aus dem Thema
Prostitution macht. Das uns dieser Film dann so packt und wir fast
kotzend aus dem Kino kommen, hätten wir nach der Beschreibung nicht
erwartet. Brrr, kalt und auf der Haut schmelzend, wie der viele weiße
Schnee in der Winterwunderwelt, kein Wunder, dass der Film mit Soguk
/Cold betitelt ist. Doch dass die Männer als Spezies so schlecht
wegkommen, hätten wir nun nicht erwartet. Ob die Frauen als
Identitätsgruppe besser wegkommen, wir konnten uns da nicht einigen.
Nun zu der Geschichte: Die Frau eines Eisenbahnschienenkontrolleurs
ist hoch schwanger. Ihre Schwester heiratet den Bruder ihres Mannes.
Die Brüder sehen es als ihr Mannesrecht an, in ihrem Eheleben zu
tun, was wie wollen, meint, in den Puff zu gehen. Irgendwie ist
zwischen den Brüdern keine gute Stimmung, es wird nie erzählt, was früher zwischen ihnen passiert ist. Der Eisenbahnmensch hebt
kaum den Blick und spricht nur wenige Sätze. Sein Bruder, eigentlich Verkäufer, arbeitet nebenher im Puff
und ist unberechenbar aggressiv. Der eine Bruder verliebt
sich in eine der russischen Prostituierten und würde für sie alles
tun, wie er ihr verzückt sprachreduziert beteuert. Das Geschäft Prostitution bleibt, auch in den Gesprächen, immer im Gegensatz zum Wunsch nach Gefühlen. In einem hin und her wird das wortkarg, traurig-aggressive
Familienleben der verheirateten Brüder in verhalten emotionalen Bildern
transportiert. Ihre Frauen haben wenigstens sich und als Schwestern
ein gutes Verhältnis zueinander. Mit einem Unglücksgefühl und ohne dadurch glücklicher zu
werden, bringt der eine Bruder den anderen um, lässt ihn vom Zug
überfahren. Das ist der Schluss und wir sind sprachlos und uns ist
schlecht. Nur als Ergänzung, wenn uns von einem Film schlecht wird,
ist das ein gutes Zeichen, das erste Mal passierte es uns bei
Reservoir Dogs und dann wieder bei Pulp Fiction. Wie Achterbahn fahren, wenn der Magen hüpft, ist es besonders spannend.
Wir
haben heute irgendwo in einer Zeitung gelesen, dass besonders das
Generationenprogramm der Berlinale erschreckend ernst daher käme. Wo
denn die komödiantische Auseinandersetzungform geblieben sei, wie
sie Charly Chaplin oder Billy Wilder betrieben hätten. Ja, da werden
große Namen aus längst vergangenen Zeiten gegen ein
Generationenprogramm geworfen, das auf einer ganz anderen Ebene
angesiedelt ist. Vielleicht könnte man die Komödienlosigkeit dem
Wettbewerb vorwerfen, wenn man sich trauen würde? Die in unseren
Generationen-Filmen mitsitzende Jugend hat es immer genossen, durch
die Filme mit ihren Themen ernst genommen zu werden. Sie haben ja
sonst Komödie genug mit dem grässlichen Zeug im
Fernsehnachmittagsprogramm, bei dem, wie wir hörten, auch manchmal
Lacher eingespielt werden. Da kotzen wir doch lieber für einen guten
Film.
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