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by Lilly Flowers |
Heute
Nachmittag fingen wir mit einem politischen Landschaftsfilm an, da
hatten wir ja schon einige diese Berlinale. In Boundary / Fahtum
Pandinsoong führt uns der gesellschaftspolitisch sehr
interessierte Regisseur Nontawat Numbenchapol, den wir in einem
engagierten Publikumsgespräch nach dem Film kennenlernen durften, in
das thailändische Grenzgebiet zu Kambodscha. Aus diesen ländlichen
Gegenden kommen die „Rothemden“, die im politischen System von
Thailand den „Gelbhemden“ gegenüberstehen. Letztere stehen für
konservative Haltungen mit dem Wunsch, das Königreich zurück zu
bekommen. In der heutigen Zeit, mit den schon lange vorhandenen
politischen Spannungen, fährt er mit einem vom Militärdienst
zurückkehrenden Soldaten, in dessen Dorf an der Grenze zu
Kambodscha, in der Nähe des von beiden Staaten beanspruchten
hinduistischen Tempels Prasat Preah Vihea. Durch die filmische
Dreiteilung in Bangkok als Ausgangspunkt der Gelbhemden, die Reise
und das Dorf mit den Rothemden, erfahren wir viel über die unruhige
Geschichte von Thailand. Der Soldat erzählt uns dabei aus seinem
Leben: er war zwischen seinem 8. und 12. Lebensjahr buddhistischer
Novize und verließ dann das Kloster wieder, bei der Verlosung zum
Militärdienst hatte er Pech und wurde ausgewählt. Nun kehrt er in sein Dorf zurück, dessen Umgebung mit Landminen durchsetzt
ist. Das Dorf liegt in der Nähe des Tempels, der zum Weltkulturerbe
gehört und von Grenzkonflikten geprägt ist, die aus gegenseitigen
Vorurteilen zwischen Thailändern und Kambodschanern herrühren. Als
er einen Teil in Kambodscha filmte, gab sich der Regisseur als
US-Amerikaner mit chinesischen Wurzeln aus, um überhaupt drehen zu
können.
Unser
nächster Film A Batalha de Tabatô / The Battle of Tabatô
war eigentlich toll, wäre da nicht der Regisseur doch noch zu dieser
Weltpremiere seines Films aufgetaucht. Er wollte eigentlich auch
schnell wieder weg, hätten wir ihn doch lassen. Irgendwie war er
vielleicht krank, vertrug ein Medikament nicht oder hatte eine
Allergie: er kratzte sich die ganze Zeit und beantwortete die Fragen
zuerst mit philosophischen Allgemeinplätzen und dem Verweis darauf,
dass die Vergangenheit und die Zukunft der Menschheit in Afrika
liegt. Über die gestellten Fragen nach dem Film wollte er nur sagen,
dass sich die Geschichte einfach so entwickelt hat und er
eigentlich nichts dazu sagen kann. Wir hatten das Gefühl, mehr in
dem Film entdeckt zu haben, als er kratzenderweise Beantworten
wollte. Warum er die Frau hat sterben lassen, interessierte einen Zuschauer, es hätte doch genau so gut eine Ziege sein können. Der Regisseur schien sich nicht wirklich an den Inhalt seiner
Weltpremiere zu erinnern und meinte nur, das sei halt so gekommen und
Kinder würden den Film verstehen. Wir sollten ihn doch auch einfach
verstehen, so wie er ist. Nun, die Geschichte geht grob so: Eine Lehrerin
in Guinea-Bissau will einen bekannten Musiker heiraten und bittet
ihren in Portugal lebenden Vater, sie dafür zu besuchen. Er lebt mit
seiner Frau seit einigen Jahrzehnten nicht mehr dort, nur ihre beiden
Töchter leben in Guinea-Bissau. Er fragt seine Tochter misstrauisch, warum sie ihn bei
ihrer Hochzeit dabei haben will und nicht die Mutter. Sie verweist
auf irgendeine alte Geschichte, die noch welche klären wollen und er
bekommt flashbacks. Seine militärische Vergangenheit scheint den
Vater wieder einzuholen, Gespräche dazu scheitern an beiden Seiten.
Als in einer Radiosendung, an der sein zukünftiger Schwiegersohn
beteiligt ist, ein Lied über den Krieg eingespielt wird, fährt er
an einen Baum und seine Tochter, bereits im weißen Hochzeitskleid,
stirbt. Ansprechende Schwarzweißbilder und menschliche
Verhaltensweisen, die Versuchen, den Krieg hinter sich zu lassen,
machen den Film sehens- und interpretierenswert - auch wenn uns der
Regisseur dazu keine Auskunft geben will und sich mit seinem
unruhigen Körper beschäftigen musste, der arme Moderator hat
wirklich sein bestes versucht.
Eine
nette Moderatorin mit einer lieben Crew stand nach unserem letzten
heutigen Film Powerless vor
uns. Schon die von
ihnen erzählten Geschichten um diese Dokumentation herum, hätten
einen zweiten Film gefüllt. In Kanpur, einer Stadt, die einmal als
Manchester von Indien bezeichnet wurde, gibt es unendlich viele
Stromausfälle. Es lassen sich die Stunden zählen, in denen die
Stromversorgung für Krankenhäuser, Fabriken und das tägliche Leben
funktioniert. Da die Wasserversorgung auf Elektropumpen angewiesen
ist, gibt es ohne Strom auch kein Wasser. Und die Stadt hat 3
Millionen Einwohner, also etwas weniger als Berlin. Damit nicht alles
im Dunkeln und Trockenen liegt, wissen sich die Einwohner illegal zu
helfen und zapfen von den wenigen vorhandenen Generatoren und großen
Leitungen individuell ihren Strom ab. Einer der „Elektriker“, der
ihnen dabei hilft, wird bei seinem Tun und Leben porträtiert. In
Interviewpassagen beschreibt er genau, warum sich nichts ändern wird
und er sich als Robin Hood entschieden hat, den einfachen Menschen
durch „Stromlieferungen“ ihr Leben zu erleichtern. Politik und
lokaler Stromkonzern wollen gesetzlich dagegen einschreiten und
nehmen ihn auch mal fest. Sie sind aber letztendlich hilflos, da die
Menschen ja auch Strom wollen und brauchen und er legal mit den
vorhandenen technischen Mitteln nicht lieferbar ist. Das Filmteam,
von dem Zwei aus dieser Stadt kommen, erzählte, dass es
durchschnittlich 2 - 5 Stunden Strom pro Tag gibt. Und es gibt
normalerweise auch keine Touristen in der Stadt, deshalb war die
Anwesenheit der Crew um Fahad Mustafa und Deepti Kakkar schon eine
Notiz in der Tageszeitung wert. Und, nicht weitersagen: um keine
Bestechungsgelder bezahlen zu müssen und doch diese beeindruckend
offiziellen Bilder filmen zu können, hat sich die Produzentin für
die Nichte eines hochstehenden Beamten ausgegeben...bei
Low-Budget-Filmen ist man halt auf gewisse Kniffe angewiesen...
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