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Vor dem International by Lilly Flowers |
Die
Kurzfilme haben uns heute eine schnellere Reisegeschwindigkeit
erlaubt. Und trotzdem schafften wir es nicht auf die andere Seite des
Äquators. Unsere Reise fing in den Niederlanden mit einem Krimi an,
der wie ein Vorbild für die heutigen Vorabendkrimis wirkte. Ein
gewissenhafter Kommissar gibt sich mit einfachen Erklärungen nicht
zufrieden, sondern sucht die Geschichte hinter dem geständigen
Mörder. Dieser weiß nicht, dass er seine ehemalige Partnerin nicht
getötet hat. Ein schwarzweißes Durcheinander zwischen Theater und
Geld, mit einem ruhigen Kommissar Lund. Ob der Name für die heutige
Serie Pate stand, muss der Fan an anderer Stelle erfragen. Uns
brachte Het mysterie van de Mondscheinsonate / Das Geheimnis der
Mondscheinsonate, dieser
niederländischer Krimi aus dem Jahr 1935, einen kurzweiligen
Einstieg in den Tag. Gezeigt wurde er im Rahmen der wiederum tollen
Retrospektive, als Regiearbeit von Kurt Gerron, der 1944 in Auschwitz
ermordet wurde. Peter Lorre und Marlene Dietrich hatten versucht, ihn
vor den Nazis zu retten und nach Hollywood zu holen, was er wegen
seiner Sprache als Schauspieler ablehnte.
Die
Shorts I brachten uns zuerst mit den Love Games in die
Republik Korea. Im Gespräch danach zeigte sich die Regisseurin
verwundert über die Unkenntnis des Publikums. Wir werden diese
Liebesspiele, die sie uns in schönen Zeichnungen ohne Sprache
nahebrachte, bei nächster Gelegenheit mal ausprobieren. Obwohl ja
dieser Kuchen aus Stein schon etwas merkwürdig schmecken könnte.
Im
zehnminütigen Zeitraffer zeigte uns Uzushio - Seto Current
einen Tag in Japan, von Sonnenaufgang bis zum schön leuchtenden
Sonnenuntergang, das schaukelnde Wasser im Vordergrund. Schön
anzuschauen und doch nicht meditativ, da der Zeitraffer dem Auge
keine Entspannung gönnt.
Auch
aus Japan kam der nächste Short The Silent Passenger,
Aufnahmen mit lautlos vor sich hin krabbelnden Tieren, denen wir
fasziniert bei ihren Bewegungen zuschauten. Der Regisseur Hirofumi
Nakamoto erklärte uns seine Beweggründe für den Film damit,
Lebewesen in eine fremde Umgebung zu bringen und sie dann bei ihrem
Tun zu filmen, ohne dass sich jemand im gleichen Raum befindet. Die
armen Tierchen fanden das bestimmt nicht so lustig. Krebse auf dem
Teppichboden eines Hotelzimmers, oder im Schirm einer Lampe,
Schmetterlinge im Innenraum eines Autos. Die Machtverhältnisse waren
da ja wohl schnell geklärt. Was wohl ein Puma zu solch einem
Arrangement gesagt hätte?
In
Al Intithar / The Waiting führte uns Regisseur Mario Rizzi vor Augen,
wie Frauen in einem syrischen Flüchtlingskamp in Jordanien
zurechtkommen. Für diesen kurzen Dokumentarfilm hat er seine
29jährige Protagonistin zweimal dort begleitet. Er entdeckt die
wichtige Rolle der Frau, die sich um die Ernährung, Kleidung und
Gesundheit der Familie kümmert, während Männer und Kinder darauf
warten, dass sich an der Situation etwas ändert. Seine Protagonistin
hat drei Kinder, ihr ältester Sohn ist bereits 14 Jahre und somit
nur ein Jahr jünger als seine Mutter bei seiner Geburt.
Auf die
Nöte eines Sozialarbeiters in Marseille fokusiert der französische Short La Fugue / The Runaway. Die betreute Jugendliche will
sich nicht so einpassen, wie es das Gericht von ihr verlangt. Der
Sozialarbeiter will ihr helfen und sucht sie in der Stadt, um
wenigstens die schlimmsten Repressalien von ihr fern zu halten. Beide
haben ihre Gründe für ihren Lebensentwurf und wir sind froh, dass
wir nicht Sozialarbeiter sind und auch keinen an unsere Seite
gestellt bekommen haben ... bis jetzt.
Zum
Abschluss des Abends waren wir noch in dem viel gelobten
Metamorphosen, der unter der Rubrik Perspektive deutsches Kino
läuft. Im Südural gab es 1957 eine schwere radioaktive Katastrophe,
die als drittschwerste nach Tschernobyl und Fukushima eingestuft
wird. Regisseur Sebastian Mez war mit einer Kollegin und einer
kleinen Kamera vor Ort und hat in schönen Schwarzweißbildern einen
Ort des Grauens eingefangen, an dem die Menschen immer noch irgendwie
leben. Von offizieller Seite haben sie nie etwas über die
Vorkommnisse erfahren. Doch Heiraten ist für ihre Kinder schwieriger
geworden. Denn obwohl niemand dort genaues über die unsichtbare
Gefahr weiß, lehnen in entfernteren Dörfern lebende Familien eine
Einheirat aus dieser Gegend ab. Sie wollen keine missgebildeten
Enkelkinder. Wahrscheinlich haben wir durch diesen Film mehr über
dieses radioaktive Gebiet erfahren, als die Menschen, die dort leben
und, wie es scheint, als Versuchskaninchen genutzt werden. Der
Regisseur erzählte von japanischen Wissenschaftlern, die dort in
Schutzanzügen aufgetaucht seien und den Bewohnern erzählt hätten,
dass die Verseuchung schlimmer sein als damals in Hiroshima und
Nagasaki. Trotzdem hätten wir uns noch mehr Sprache über die
Vorkommnisse gewünscht, als den kleinen Text zu Beginn des Filmes.
Für alle, die den Film noch anschauen möchten: gleich zu Beginn schnell lesen, der
kleine Text verschwindet flott wieder, doch ohne ihn könnte man den
Kontext des Films verpassen.
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