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Image by Betty Schnee |
In dem brasilianischen Film Olhe pra mim de novo (Schau erneut auf mich) wird eine Frau porträtiert, die heute meist als Mann lebt. Silvyo, früher Silvya, strahlt durch den gesamten Film eine lebendige Fröhlichkeit aus und scheint ausnahmslos glücklich mit ihrem neuen Leben und der Penisprothese. Charmant und witzig erzählt er von seinen Entwicklungen als Kind zur Frau, dann zur Lesbe und nun zum Mann. Mit einer freundlichen Leichtigkeit schaut er dabei auch auf seine Familie und Freunde, die nicht immer klar kamen mit seinen Gefühlen und Entscheidungen. In diesen Momenten, wenn er von seinen Eltern erzählt, die ihn als normales Mädchen, als normale Frau haben wollten und wenn er von seiner Tochter erzählt, die ihn nur als Mutter haben möchte, erkennt man die Kämpfe, die Silvyo führen musste und noch muss, um dort glücklich sein zu können, wo er heute steht. Darin spiegeln sich auch die Vorgaben der patriarchalen brasilianischen Gesellschaft wieder, die sich schwer damit tut, Homosexualität und Transgender zu akzeptieren. Außerhalb bestimmer Stadtteile in Rio de Janeiro und Sao Paulo sind Homosexuelle aus Angst vor Angriffen nicht sichtbar. Und dass gilt weiterhin für Brasilien, trotz einer Besucherzahl von 800.000 Menschen bei der LGBT-Parade in Rio de Janeiro letzten Oktober.
Drei japanischen Filme drehen sich dieses Jahr um die Atomkatastrophe von Fukushima. Einer davon ist friends after 3.11, darin geht der Regisseur Iwai Shunji auf die Suche nach Menschen, die sich jetzt nach der Katastrophe aktiv um persönliche und gesellschaftliche Veränderungen bemühen. Auffallend viel gesprochen und diskutiert wird in diesem zweistündigen Film, Inhalte zählen. Bilder der Zerstörung können lügen, denn es war nicht nur ein Erdbeben und ein Tsunami, welche die offensichtliche Zerstörung brachten. Die tödliche Gefahr liegt im unsichtbaren Bereich der freigesetzten Radioaktivität. Der Film zeigt ein großer Gesprächsbedürfnis, sich durch Diskussionen um eine Neufindung der japanischen Gesellschaft zu bemühen. Beeindruckend erzählt eine jugendliche Bloggerin von ihren öffentlichen Aktionen und ein Professor von seiner Kehrtwende nach Fukushima, er benutzt nun sein ganzes Wissen, um sich gegen die Nutzung von Atomkraft auszusprechen. Wie wichtig es den Menschen ist, sich diskutierend in die Zukunft ihrer Gemeinschaft einzumischen, freundlich und doch mit einer großen Zähigkeit auf ihrer Kritik zu beharren, ist ergreifend und Mut machend anzusehen.
Schön, dass die Berlinale auch dieses Jahr den filmischen Dokumenten zur Stärkung der Demokratie eine Auseinandersetzung vor einem großen Publikum bietet.
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