Sonntag, 11. März 2012

Ach ja, seufz, nächstes Jahr dann wieder ... ein paar abschließende Gedanken zur Berlinale 2012

Image by Betty Schnee
Ein paar Tage sind bereits vergangen und wir haben uns schon wieder an die Helligkeit und einen regelmäßigen Tagesablauf gewöhnt. Doch schon vermissen wir die Vielsprachigkeit der Berlinale und die Begeisterung derjenigen, die mit uns in den Kinosälen saßen. Jetzt müssen wir wieder genau überlegen, wie wir die Ignoranten vermeiden, die nur zum Popcornknacken und Fummeln die flimmernde Dunkelheit aufsuchen.

Ja, und dann gab es wieder dieses Déjà-vu gegen Ende der Berlinale: Ein paar Sitzplätze weiter unterhalten sich zwei cineastisch geformte und hippe späte Jungs über das Ranking der Berlinale als internationales Festival und fragen sich kritisch, ob es immer noch als A durchgehen kann. Dann kommt von der Reihe vorher die Antwort eines älteren Herrn, oder einer älteren Frau, die sich als langjährige Kenner der Berlinale-Geschichte entpuppen: Er, oder sie, argumentiert begeistert gegen die Jungs und deren Ellbogenüberlegungen und für die Berlinale als Festival von Menschen für Menschen, was interessiere denn den Kinofreund ein exklusives Festival der Garderoben und Eitelkeiten. Wunderbar! - Wir wissen dann immer wieder aufs Neue, dass wir hier richtig sitzen.

Déjà-vu II: Wahrscheinlich seid Ihr ihr auch schon begegnet, der Frau auf dem speziellen Sitz. Dieses Jahr hatten wir sie nicht persönlich neben uns, sondern erkannten sie nur durch ihre Argumentation zwei Reihen vor uns. Sie konnte nicht weiterrücken um dem fragenden Paar zwei zusammenhängende Sitze zu spendieren. Denn ihr Platz war gut für sie, hatte die richtigen Vibrations und den passenden Geruch. Das hatte sie uns letztes Jahr bereits wiederholt erklärt, als wir zufällig neben ihr saßen. Sie kann nur auf bestimmten Plätzen sitzen, da andere zu stark nach dem Parfüm ihrer Vorsitzer riechen und irgendwie muss auch noch sowas wie der Hauch von Feng Shui für sie passen. Sie ist immer sofort still, wenn der Saal sich verdunkelt.

Und dann war da noch eine Peinlichkeit, die wir hier nur erzählen, weil sie uns nicht direkt betrifft und wir eigentlich mit dem Begriff "Peinlichkeit" nicht wirklich was anfangen können. "Oh, wie peinlich" flüsterte die Frau, als sie ihr Missgeschick verstand und sofort den Rückzug antrat. Die Beiden neben uns lachten. Vorher hatte die Frau vom Gang aus zu uns rübergerufen: "Ist neben Ihnen noch frei?" Wir haben sie angestarrt, die meinte nicht uns. Sie hat ihre Frage wiederholt. Wir haben irritiert unseren afrodeutschen Nachbarn angeschaut, doch der hat sich weiter mit seiner Begleitung unterhalten. Die Fragende wiederholte ihre Worte an uns, nun etwas lauter: "Ist neben Ihnen noch frei!?" Fragte sie tatsächlich uns? Wir hatten schon Erfahrungen mit Menschen, die schielen und deshalb waren wir weiter unsicher, ob wir überhaupt gemeint waren. Wir blickten uns um. Doch jetzt zeigte sie mit dem Finger auf uns und unseren Sitznachbarn. Fassungslos schauten wir sie an und begriffen langsam, was los war. Unser Sitznachbar hatte eine dunkle Jacke und Hose an und eine schwarze Mütze auf. Auch er bekam nun die Situation mit, die Frau kapierte und schlich sich von dannen. Unser Sitznachbar erzählte nun diese kleine Begebenheit seiner Begleitung und beide amüsierten sich darüber. Wir saßen in "Call Me Kuchu". Wir wollen mehr Filme aus Afrika auf der Berlinale 2013 sehen!

Montag, 27. Februar 2012

Unser Tag "Zehn", unser Letzter: von Portugal und Mosambik in den Tschad und nach Südafrika

Image by Lilly Blume
Für unseren letzten Tag, den Publikumstag, hatten wir sogar schon seit unserem ersten Tag Karten für einen Wettbewerbsfilm: Tabu von Miguel Gomes. Dieser Film hat dann den nach dem erster Leiter des Festivals benannten Alfred-Bauer-Preis erhalten, eine Auszeichnung für Filme, die neue Perspektiven der Filmkunst eröffnen. Wir mussten dafür in den Berlinale-Palast. Der Palast der Republik, ach, er ist von uns gegangen, wäre da schon tausend Mal mehr Palast als dieses mickrige Glasding mit den unbequemen Sitzen, der kleinen Leinwand und der Tatsache, nur einen Sitzzwerg mit Flachfrisur vor sich ertragen zu können. Aber wir wollten den Film unbedingt auf der Berlinale sehen, aus Furcht, dass es eine portugiesisch-brasilianisch-französisch-deutsche Produktion mit der weiten Bearbeitung des Themas der portugiesischen Kolonialherrschaft bestimmt nicht in die Berliner Kinos schafft. Und wenn Tabu es doch einmal ins International - auch eher ein Palast - schaffen würde, denn auf solch eine Leinwand gehört dieser Film, würden wir uns noch einmal in dieses Vergnügen stürzen. Wie soll man Tabu erklären? Schwarzweiß, Bilder von heute, Bilder aus der Kolonialgeschichte Mosambiks, die so unscheinbar die Qualen der Kolonisierten erzählen, wie es wahrscheinlich der Ignoranz der Weißen entsprach. Der weiße Kolonialherr und seine weiße Frau sind wichtig, ihre Liebesbandeleien sind wichtig, ihre öden Parties sind wichtig. Und was mit den Bewohnern des Landes passiert, ist sowas von egal für diese andere Gesellschaft. Diese Leerstelle zeigt der Film als nebenbei mitlaufend bei der Legende vom Krokodil, als Mord, der der Befreiungsbewegung zugeschrieben wird und im heutigen Lissabon, wo eine kapverdianische Hausangestellte sich um die frühere Madame kümmert und von deren abwesendener Tochter dafür bezahlt wird. Dieses letzte Beispiel aus dem Heute zeigt eine kleine Verschiebung der Machverhältnisse. Die senile alte Frau war früher eine begehrte Schönheit und ist an ihrer großen Liebe, einem Liebhaber der Frauen, zerbrochen. Auch dieser ist durch die Idee der romantischen Liebe an ihr zerbrochen und lebt nun in einem Pflegeheim in der Nähe seiner ehemaligen Geliebten. Die kapverdianische Hausangestellte hat mit romantischer Liebe nichts am Hut zu haben, auch die Befreiungsbewegungen aus Mosambik oder Angola können sich der Hingabe in diese Gefühle so nicht leisten, vielleicht sind sie aber auch nur temporärer Ausdruck einer bestimmten kulturellen Ideologie - wer weiß das schon.

Unser nächster Film hat auch was mit vergangener Kolonialzeit zu tun. In Habiter/Construire zeigt die französische Doku-Regisseurin Clémence Ancelin, wie eine französische Firma eine Straße durch den Tschad baut. Dabei berühren die Arbeiten zur ihrer Entstehung das Leben der Menschen, die zukünftig am Rande der Straße wohnen werden. Die Frau, die ihr Korn für ihre Familie immer auf einem Stein per Hand reibt, erhofft sich davon eine elektrische Mühle, wie es sie im Nachbardorf gibt. Der Mann, der nun ein kleines Café für die Bauarbeiter betreibt, wollte eigentlich als Hilfsarbeiter angeheuern, doch es gab keinen Platz mehr für ihn bei diesen verhältnismäßig gut bezahlten Jobs. Ein besser gestellter Bauarbeiter beschreibt seinen luxuriösen Wohncontainer mit fließendem Wasser und Klimaanlage. Eine Zeitaufnahme des Tschad, die eine Veränderung dokumentiert.

Und dann ging es abends zum Cubix, zu unserem letzten Film diesen Jahres: Man On Ground. Und wir hatten sogar noch das Glück, dass uns nach dem Film der engagierte Regisseur Akin Omotoso ein paar Auskünfte gab. Anlass für die Entstehung des Films, für die sich auch die Schauspieler engagierten, waren die rassistischen Morde in Südafrika im Jahr 2008. Als besonders aufwühlend beschrieb Omotoso ein Bild von einem brennenden Menschen aus Mosambik, im Hintergrund sieht man vier Polizisten diese Ermordung ruhig beobachten. Zur Verdeutlichung seiner Kritik am Rassismus, nicht nur in Südafrika, hat er zwei Originalreden an den Anfang und den Schluss seines Films gesetzt, die vorführen, wie Sündenböcke produziert werden. Rassismus als ein Ausdruck von Machtungleichgewicht und Armut: Menschen, die nicht viel haben, bringen Menschen um, die noch weniger haben, aus Angst, irgendwann nichts mehr zu haben. Seine Botschaft: Rassismus kann überall stattfinden, die Begründungen dafür werden sich finden. Ein ambitionierter Film, der in seiner künstlerischen Umsetzung nicht durchgehend überzeugen konnte.

Freitag, 24. Februar 2012

Unser Tag "Neun": Südkorea und Westsahara

Image by Betty Schnee
Ach ja, Wandeukyi (englischer Titel: Punch, und damit nicht wirklich ins Deutsche übersetzbar). Als wir aus dem Kino kamen, dachten wir mal wieder: so ein toller Film! Ein Generationenfilm über einen Jungen mit einem Vater, der nicht dem gängigen Männlichkeitsideal entspricht. Mit einer Mutter, die der Vater verheimlicht, da sie eine in Südkorea rassistisch ausgegrenzte Arbeitsmigrantin aus den Philippinen ist. Sie verschwindet kurz nach der Geburt des Sohnes, damit dieser nicht als Halb-Philippino stigmatisiert wird. Was den Jungen Wan-deuk emotional am meisten beschäftigt, ist die schlechte Behandlung durch seinen Klassenlehrer. Ein Typ, der auf cool und kumpelhaft macht und bissige Sprüche drauf hat. Irgendwie scheint er seine Klasse samt Wan-deuk dennoch zu mögen, hat aber als intellektueller Soziologielehrer kein positives Bild der südkoreanischen Gesellschaft. Der Regisseur Han Lee schafft es wunderbar, aus diesen durch den gewöhnlichen Alltag zusammenwirkenden Personen eine witzig-ironische und bunte Mischung zu machen, die frisch wie ein Sommerstrauß wirkt. Die Szenen zwischen den Dachwohnungen im Sonnenuntergang, mit bösem Nachbarsgeschrei, attraktiver und biertrinkender junger Frau, die den schnoderigen Lehrer anbaggert und dazwischen der wortkarge Junge und sein Künstlervater, ein Film, wolkig leicht, mit gesellschaftspolitischem Tiefgang, und auch deshalb was fürs Herz.

Wilaya bedeutet "Region", erklärte uns ein auch im Kino sitzender Bekannter, der schon ein paar Mal an den Orten war, die wir in dem so benannten Film nun sehen durften. Gemeint ist damit die Region Westsahara, ein ehemals von der spanischen Kolonialmacht besetztes Land, das nach deren Abzug größtenteils von Marokko annektiert wurde. Zurück blieb ein schmales Stück karger Steinwüste, dass heute von der Befreiungsbewegung Polisario kontrolliert wird. Die dort lebenden Sauhris verteilen sich auf vier große Flüchtlingslager, ein fünftes wird gerade gebaut, sie warten immer noch auf ihre völkerrechtliche Anerkennung. Aus dieser politischen Geschichte schält Regisseur Pedro Pérez Rosado das Leben einer jungen Frau heraus, deren Eltern sie aus dieser Zukunftslosigkeit heraus zu Pflegeeltern nach Spanien gegeben hatten. Als ihre leibliche Mutter stirbt, besucht sie pflichtbewußt ihren Bruder und ihre gehbehinderte Schwester. Diese wohnen, wie die meisten anderen Sauhris auch, in Zelten und ihr größter Wunsch ist ein gasbetriebener Kühlschrank, denn Strom gibt es dort nicht. Die Nahrungsmitteln kommen von internationalen Hilfsorganisationen. Als unverschleierte und europäisch gekleidete Frau fällt sie auf, doch die LagerbewohnerInnen können das zuordnen. Sie möchte schnell wieder zurück in ihr Leben in Spanien, doch ihr Bruder will, dass sie bleibt und sich um die Schwester kümmert. Die im Film gezeigten Menschen schaffen es, sich in diesem Nichts mit Aussicht auf ein Leben im Wartestatus, eine Struktur zu geben. Diese schwere Lebensgeschichte, erzählt ohne falsche Dramatik, zeigt Menschen, die wegen staatlichem Nationalgebaren zu Hundertausenden ihr Leben in einer öden Wüste verbringen müssen. Die symphatischen Darsteller sind von diesem Ort in der Sahara und spielen uns ihre, eigentlich unglaubliche, Situation vor.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Unser Tag "Acht": UdSSR, Baku und die Russische Förderation

Image by Betty Schnee
Unter Documentaries laufen in der Retrospektive Dokumentarfilme aus der UdSSR. Teil 4 brachte uns heute zuerst Pjatiletije sowjetskoi Rossii (Fünf Jahre Sowjetrussland) von 1922 vors Auge. Wir waren noch nie in Russland, noch nie in Moskau, vielleicht sind uns deshalb die Dimensionen, die diese Militärparaden annehmen konnten, unvorstellbar. Viele Menschen, in Reihen oder unsortiert, stehen auf dem Roten Platz, darunter ein paar mit uns heute noch bekannten Namen, wie Clara Zetkin und Leo Trotzki - der mit dem Eispickelende. Bilder vom Komintern-Kongress 1922 sind auch dabei. Insgesamt ein beeindruckendes und seltenes Dokument der Zeitgeschichte.
Danach kam eine Dokumentation über Baku, Drugaja schisn (Das andere Leben), und zeigte uns in zweiundsiebzig Minuten den Einzug der Moderne in die Steppe dieser ölreichen Gegend. Zuerst werden uns eine Unmenge von verschmierten Öltürmen und Menschen, die sich ganz verhüllen, um sich vor dem ewigen Staubwind zu schützen, gezeigt. Doch dann verändert sich das Bild, wird freundlicher: Häuser werden gebaut, Gärten werden angelegt, Fabriken mit Kantinen und Kindergärten entstehen, Straßenbahnen fahren - darunter die erste elektrische Tram des Sowjetreichs. Die Hochhäuser sehen freundlicher aus als diejenigen, die wir aus den siebziger Jahren aus West- und Ostberlin kennen. Eine erstaunliche Modernität entsteht in dieser aserbaidschanischen Stadt der dreißiger Jahre, in der zehn Jahre nach dem Rauswurf der ausländischen Ölkönige nun der ökonomische Reichtum der Bevölkerung vor Ort zugute kommt.

Unser zweiter Film geht ins heutige Russland, die russische Förderation. Für diese Dokumentation begleitete Regisseur Andrey Gryazev die Künstlergruppe "Voina" (Krieg) über eine längere Zeit bei ihrer Arbeit. Den Titel des Films, Zavtra (Morgen), hat er mit bedacht gewählt, erzählt uns der Regisseur während des Q+A. Er will damit auf die schwierige Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der russischen Gesellschaft verweisen. Gleich am Anfang des Films sehen wir Menschen auf Klautour in einem Drogeriemarkt. Dabei ist für uns erst mal schwer zu verstehen, dass einer der Männer ein Kleinkind im Tragerucksack auf dem Rücken trägt. Draußen läßt die Gruppe den nachgerannten Wachmann alt aussehen, er hat argumentativ und körperlich keine Chance gegen die vier Leute. Wir sehen die KünstlerInnen bei der Planung von Aktionen, bei den Übungen dazu und letztendlich auch bei deren Ausführung. Bei einer Aktion kommt der Vater von dem Kind Kaspar ins Gefängnis. Seine Mutter, auch einer Künstlerin von Voina, winkt zusammen mit ihm aus der Ruinie gegenüber dem Gefängnis dem Vater zu. Die Mitglieder der Gruppe haben immer wieder mit Haftbefehlen und Gefängnis zu kämpfen. Ein toller Film, der einen angeht, über eine interessante Künstler-Polit-Gruppe, die Fragen aufwirft. Auf die Frage an den Regisseur, wie er es findet, dass das Kind immer mit dabei ist, meint er, dass für ihn nichts dagegen spräche. Er fände es nicht besser, wenn die Eltern dem Kind eine heile Welt in dieser kaputten russischen Gesellschaft vorheucheln würden. Der Film zeigt auch die Zuneigung der Eltern und ihrer Freunde für das Kind. Vielleicht der spannenste Film, von der Art der Aufnahmen und deren kapitalismuskritischen Inhalte, auf unserer ganzen Berlinale.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Unser Tag "Sieben": Jordanien/Amman und Sankt Petersburg/Leningrad

Image by Lilly Blume
Das Leben eines Taxifahrers in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, ist Thema des Films Al Juma Al Akheira des Regisseurs Yahya Alabdallah. Da das Taxi öfters kaputt ist als fahrtüchtig, lernen wir das Leben des Mannes außerhalb seines Berufs kennen. Eigentlich ist er kein Taxifahrer, sondern ein begnadeter Autoverkäufer. Doch sein launischer Chef hat ihn aus verletztem Stolz degradiert. Gesellschaftlich ist er auch degradiert, aus der Mittelschicht gefallen, denn seit seiner Scheidung fehlt es ihm an Geld. Und dadurch fehlt es ihm auch an den früheren Freunden, wie uns im Publikumsgespräch der Regisseur nach dem Film erzählt. Familienväter haben sich in Jordanien um die finanzielle Lage von Frau und Kindern zu kümemrn. Deshalb hat unser Taxifahrer seiner geschiedenen Frau auch ein Appartement gekauft, wo diese nun mit ihrem neuen Mann und Kind wohnt. Der Sohn aus ihrer gemeinsamen Ehe wohnt noch in der kleinen Mietswohnung mit dem Vater. Doch hier krieselt es gewaltig. Dem Jugendlichen fällt das Reden schwer und die geschiedenen Eltern bleiben in ihrem Problemknäuel kleben und vergessen das Zuhören. Es gibt ein vom Vater gefülltes Sparbuch für ein zukünftiges Universitätsstudium des Jungen, dass den gesellschaftlichen Druck auf Vater und Sohn noch einmal verstärkt. Der Film zeigt auch den Weg eines Mannes zu einer Hodenoperation und der Regisseur erklärt uns, dass er mit dem Film die Männlichkeitsvorstellungen in Jordanien porträtieren wollte. Trotz dieser traurigen Wahrheit kann man diesen wortkargen Film gleichzeitig auch als romantische Tragikkomödie genießen.

Der Bauernhof ernährt die große Anzahl der Kinder nicht, so geht ein Sohn in die Stadt, um Arbeit zu finden. Schon mehrere aus seinem Dorf sind dort gelandet, diese Beziehungen sollen ihm helfen in einer Fabrik unterzukommen. Doch Arbeit ist rar am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Sankt Petersburg, das von 1914 bis 1924 dann Petrograd heißt und von 1924 bis 1991 den Namen Leningrad trägt - der Film heißt dementsprechend Konez Sankt-Peterburga (Das Ende von Sankt Petersburg). Unser junger Iwan wird aus Unwissenheit zum Streikbrecher, schlägt sich dann aber auf die Seite der Arbeiter und kommt dafür ins Gefängnis. Als Zwangsfreiwilliger wird er als Soldat entlassen und in den ersten Weltkrieg geschickt. Bilder von vielen Toten in überschwemmten Schützengräben zeigen uns die Grässlichkeiten von Krieg. Im kuschligen Kino sitzend dreht es uns fast den Magen um, denn wir wissen, dass Krieg heute, wie damals und auch in Zukunft, nicht weniger grausam sein wird. Endlich wendet sich die ausgebeutete Mehrheit gegen die unterdrückende Minderheit, Iwan wird zum Revolutionär und stürmt als Bolschewik mit zum Winterpalast. Im Jahr 1927 entstanden, ist dies einer der Jubiläumsfilme zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution. Aber auch da war dann schnell der Wurm drin.

Sonntag, 19. Februar 2012

Unser Tag "Sechs": Die rote Traumfabrik in der Retrospektive

Image by Betty Schnee
Heute wurden wir durch unsere Filmauswahl weit in die Vergangenheit zurückgeführt. Mit uns im Saal saßen dabei zu Putjowka w schisn (Der Weg ins Leben) ein paar Schulklassen Jugendliche, die vom strickjackentragenden Moderator herzlich-pädagogisch begrüßt wurden. Gezeigt wurde uns der erste sowjetische Tonfilm, 1931 gedreht, der einen Ausschnitt aus den beginnenden zwanziger Jahre in der UdSSR zeigt. Zu dieser Zeit hat die Bevölkerung gerade eine Ansammlung von Kriegen mit zahlreichen Toten überstanden. In Moskau versuchen sich die vielen Waisen mit Stehlen und Betrügen über Wasser zu halten. Sie sind in Banden organisiert, tragen nur Lumpen am Körper und schlafen auf der Straße oder in Billigunterkünften. Die Polizei nimmt sie immer wieder bei ihren Dieberein fest, steckt sie in Jugendheime, aus denen sie dann wieder ausbrechen. Der Erzieher Sergejew sucht einen Ausweg aus diesem Kreislauf und gründet auf dem Land eine Kommune für straffällig gewordene Jugendliche. Dort gibt es ein ordentliches Leben mit Essen und Arbeit, manche sagen heute zu diesem Ort "Arbeitslager". Das historische Vorbild für die Hauptfigur des Films war der Pädagoge Anton S. Makarenko, dessen wichtigstes Ziel in der Resozialisierung verwahrloster Jugendlicher bestand. Als Meschrabpom-Produktion konnte sich dieser Film, trotz staatlicher Kontrolle, eine gewissen Eigenständigkeit bewahren und darf deshalb als weniger ideologisch durchtränkt von der stalinistischen Diktatur betrachtet werden. Die Diskussion um die Möglichkeiten sozialer Träger, die mit staatlichen Geldern mehr oder weniger erfolgreich Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen versorgen, findet auch heute hier in Berlin statt. Dass es in anderen Ländern nicht einmal eine Minimalversorgung für bedürftige Kinder gibt, sollte uns aber nicht das Recht geben, an dieser Stelle zu sparen, sondern uns in die Pflicht nehmen, weltweit für eine gute Versorgung von Kindern und Jugendlichen einzutreten.

Danach sahen wir unter Documentaries 6 drei Dokumentationen, deren Titel schon deutlich ihren Inhalt beschreiben. Zeitprobleme. Wie der Arbeiter wohnt (D, 1930, 17'), Im Schatten der Weltstadt (D, 1930, 16') - beide in Berlin aufgenommen, zeigen den Unterschied zwischen gewinnorientierten Hausbesitzern und der ärmsten Schicht der Mietparteien. Ja, wir waren nicht im Heute, sondern im Jahr 1930. Danach ging es ein Jahr zurück auf 1929, der Film Um's tägliche Brot brachte uns das Thema Entmietung wegen fehlender Mietzahlungen nah, wiederum klingt diese Thema auch für heute nicht ungewöhnlich. Der Film gilt als Klassiker des proletarischen Dokumentarfilms vor 1933 und beschreibt die Lebensumstände im schlesischen Kohleabbaugebiet Waldenburg. Das wenige verdiente Geld für die viele verrichtete Arbeit reicht nicht mal zur Bezahlung der Nahrungsmittelrechnungen für die Familie, geschweige denn für die Miete der kleinen Wohnung. Für Andere gibt es gar keine Arbeit mehr. Eingestreute Spielfilmszenen verdeutlichen die dokumentarischen Bilder: eine Frau mit vier Kindern verliert ihren Mann unter Tage, sie nimmt aus Mitleid und Solidarität einen Mann auf, der weder Geld fürs Essen noch Aussicht auf Arbeit hat. Erstarrt in ihrer Armut scheint diesen Menschen kein Handeln für ein besseres Leben mehr möglich. Das tragische Ende kleiner Rebellionen drückt die Decke der Schwermut noch tiefer auf ihr Leben. Leider bremsten die Zensur und die unübliche Länge die Aufführungen des Films nach seiner Entstehung, und nach 1933 wurde der Film dann eh verboten.

Freitag, 17. Februar 2012

Unser Tag "Fünf": Brasilien, Kambodscha und Vietnam

Image by Lilly Blume
Eines unserer Bezugsgegenden war heute wieder auf unserem Filmplan: Brasilien. Die brasilianische Filmindustrie kann sich auf reiche inländische Geldgeber stützen, die als Wohltäter im Kulturbereich ihr schlechtes Image aufpolieren wollen. Kaum ein Abspann eines größeren brasilianischen Filmes kommt ohne Unterstützung und die lobende Erwähnung von Petrobras aus, einer der größten Ölfirmen weltweit. Bei unserem heutigen Film Xingu war nun im Vorspann und Abspann "Rede Globo" vertreten, die weltweit drittgrößte Mediengruppe. Ein glänzend-glatter Abenteuerfilm mit voyeuristisch-exotischen Bildern zu einem spannenden Thema, das auch viel dreckiger hätte gedreht werden können. Die Brüder Orlando, Claudio und Leonardo Villas-Bôas treffen bei der Erschließung des brasilianischen Urwalds in den vierziger Jahren auf die Xingu-Indianer. Ein wunderbarer Moment wird uns gezeigt, als sich "die Fremden" gegenseitig betrachten, ihre Angst überwinden und neugierig aufeinander zugehen. So werden diese Menschen aus unterschiedlichen sozialen Systemen Freunde und die Gebrüder Villas-Bôas kämpfen für die Einrichtung des Xingu-Nationalparks mit der Größe von Belgien. Die schönen Bilder haben uns viel von der Traurigkeit um die vielen Toten und politischen Machtgebaren genommen, irgendwie schade.

Danach gehen wir mit dem kambodschanischen Dokumentarfilm Le sommeil d'dor auf die Suche der Reste einer zerstörten Filmgeschichte. Regisseur Davy Chou hat sich der Recherce nach den fast 400 Filmen, die in Kambodscha zwischen 1960 und 1975 entstanden, angenommen. Davon haben das Regime der Roten Khmer nur 30 Filme überstanden. Die Filme, wie die Filmschaffenden, passten als Intellektuelle nicht in die Ideologie der Mächtigen, viele Künstler wurden getötet. Erstaunlicherweise überdauerten Lieder aus den vernichteten Filmen, leben heute auf youtube weiter und helfen, sich den Inhalten der vernichteten Filme zu erinnern. Bei seiner Suche trifft Chou auf Beteiligte der damaligen Filmproduktionen, die überlebt haben und ihm und uns ihre Geschichte einer vergessenen Zeit von Kambodscha erzählen. Interessant dabei sind auch die persönlichen Geschichten, wie die Befragten das Regime der Roten Khmer überlebt haben.

Der vietnamesische Film Hot boy noi loan - cau chuyen vie thang cuoi, co gai diem va con viet bringt uns mit viel Emotionen und einfühlsamem Witz in ein Bad von Gefühlen zwischen schwulen Lebensmöglichkeiten in der großen Stadt, Prostitution, Streit um Geld und der Suche nach Nähe. Ein temporeicher Film mit farbsatten Bildern und kuriosen Wendungen. Regisseur Vu Ngoc Dang erzählt im Q+A, dass noch vor zwei Jahren dieser Film aufgrund der vietnamesischen Zensur nicht möglich gewesen wäre. Ein fesselnder Film mit guten Schauspielern, schnellen Gefühlen und einer Gans. Auch der Schnitt des Films beeindruckt uns, keine Szene ist zu lang und trotzdem wirkt der Film nicht hektisch. Die langen Szenen sind auch gerade richtig, um die Anspannung der Figuren zu spüren und unser eigenes Unwohlsein durch ein Zurechtrutschen im Kinosessel auszudrücken. Ein wirklich gelungenes Zusammenspiel von Form und Inhalt, finden wir.